Barrows - Das weiße Blut

Letztes Feedback

Werbung

Gratis bloggen bei
myblog.de

Wiedersehen in Berlin

Es dauerte kein Jahr nach der Scheidung, als Cindy zusammen mit Caro-line nach Deutschland flog. Jarnette hatte bereits seit fast zwei Monaten eine Grippe, die sie entkräftete. Ihre Grandma hatte sich zur Aufgabe gemacht, auf die kleine Enkelin aufzupassen. Während Jarnette das Bett hütete, begann für ihre jüngere Schwester ein großes Abenteuer, dass ihr unvergessen bleiben sollte.
Für Caroline sollte sich die Sprachbarriere als ein arges Problem herausstellen. Denn Cindy hatte nie versucht den Zwillingen ihre Mutter-sprache beizubringen.
»Wenn die Zeit reif ist, werden sie das von ganz alleine lernen«, meinte sie immer.
Am Flughafen Tegel in Berlin wurden die beiden von Lena bereits erwar-tet. Der Umstieg in London-Heathrow war nicht wie geplant abgelaufen, weil Cindy beinahe in das verkehrte Flugzeug gestiegen wäre und Caroli-ne bei der Menschenmasse auch fast verloren ging. Doch zum Glück klärte sich alles im letzten Moment und so konnten sie pünktlich in Tegel landen.

Lena und Cindy waren schon seit dem Kindergarten die besten Freun-dinnen. Zwei Monate unterschieden die Freundinnen voneinander, trotzdem hatte man oft das Gefühl, Zwillingen gegenüber zu stehen. Sie teilten die ersten Geheimnisse, tauschten sich über Liebschaft, Schwär-merei, aber auch Herzschmerz aus. Hatte die eine Probleme, half die an-dere jederzeit. Sie taten jederzeit alles füreinander. Immer. Das blinde Vertrauen war der Grundstein. Das Wissen über Ticks und Macken der Bonus. Zusammen waren sie einfach ein eingespieltes Team, dass nichts und niemand auseinanderbringen konnte. Nichts.
Ein ganzes Wochenende sollten Mutter und Tochter bei Lena bleiben. Der Freitag war nun allerdings schon fast vorbei. Und vom Wochenende nicht mehr sehr viel übrig. Lena, die Cindy das letzte mal vor fünf Mona-ten in Sunville besuchte, freute sich wie ein kleines Mädchen, dass gerade einen Lutscher geschenkt bekam, als sie Cindy und Caroline am Flugha-fen abholte.
Als sie in Lenas Wohnung, im siebenten Stock eines Wohnblo-ckes ankamen, war das erste, das Caroline tat, Jessica zu suchen, Lenas siebenjährige Tochter, die in ihrem Zimmer spielte. Cindy fiel sofort auf, dass Lena die Wohnung umgeräumt hatte, die Tapeten waren andere, genau wie Couch, Schränke und irgendwie glaubte sie, dass Lena alles komplett erneuert hatte.
»Nein, Schatz, es sind nur neue Tapeten. Die alte Farbe hat mich richtig fertig gemacht.« Lena musste lachen. Und schaute die rot-orangenen Wände an. »Aber jetzt ist wieder Lebensfreude in den Wänden.«
»Liegt vielleicht auch daran, dass Cindy da ist.«
Ein großer, schlanker, sportlicher Mann kam aus der Küche und stellte sich vor den zwei Freundinnen. Ein Augenzwinkern zog sich über sein Gesicht und seine Mundwinkel begannen, kleine Grübchen zu erzeugen. Es war Huan, Lenas Ehemann. Die beiden lernten sich damals bei Lenas und Cindys Abschlussball kennen. Es war wie in einem Hollywood Film: Sie trugen beide traumhaft schöne Kleider. An dem Cateringstand, woll-ten sich beide Bowle einschenken. Beim Umdrehen verschüttete Lena ihr Glas über den frisch gebügelten, neuen Anzug von Huan. Sie entschul-digte sich tausendmal für ihre Tollpatschigkeit. Und er winkte es ab. Sein charmantes Lachen, brachte sie bereits damals zum dahinschmelzen. Bei seinem Anblick fühlte sie sich wie die Schokolade, die langsam auf der Zunge zerging. Cindy, die in dem Moment die Lässigkeit bewahrt hatte, lachte in sich hinein und stupste Lena ein paar Mal an, sodass sie aus ih-rem Tagtraum wieder erwachte. Lena war hin und weg von seinen Au-gen, das Gesicht, die Haare, der Körper...alles an ihm schien ihr...perfekt. Einfach makellos.
»Magst du vielleicht mit mir Tanzen, so als Entschädigung für die Bowle, die an meinem Sakko heftet.«
Er grinste sie verschmitzt an, so himmlisch, dass sie wieder ins Schwär-men geriet. Der Stoß in die Seite holte sie zurück. Sie schaute Cindy an, die bis über beide Ohren lachte und mit einem Zwinkern die beiden al-leine ließ.
»Äh, ja klar, sehr gerne.« Sie schaute ihn verwirrt an, aber ihr Blick wurde zunehmend freundlicher. »Und Sorry noch mal, für das Missgeschick.«
»Ist kein Problem. Ich bin Huan.«
Er reichte ihr die Hand, mit einem verliebten Lächeln nahm sie sie und zusammen schwebten beide über die Tanzfläche. Alles stimmte vom ers-ten Moment an. Und Cindy, die etwas abseits mit einer anderen Freundin stand, freute sich, da sie wusste, es war der Mann ihres Lebens.

»Es muss eine Ewigkeit her sein, dass ich dich das letzte Mal gesehen hab«, lächelte Huan Cindy zu und nahm sie in die Arme.
»Ja, hab auch das Gefühl, dass du gewachsen bist«, grinste Cindy zurück.
»Nein, wohl eher bist du kleiner geworden.«
Und alle lachten innig.
Er deutete auf das Sofa im Wohnzimmer und die beiden Frauen folgte ihm.
»Ich dachte du wolltest mit Caroline erscheinen? Oder hat Jarnette sie angesteckt?«, fragte Huan mit hochgezogener Augenbraue.
»Doch, sie ist hier. Wir waren gar nicht richtig angekommen, schon lief sie zu Jessica.« Cindy deutete in Richtung des Kinderzimmers. »Denn die beiden haben sich auch schon ewig nicht gesehen.«
Die vertraute Gruppe saß dann eine ganze Weile zusammen und sprach über alte Zeiten und über die Zeiten, die sie nicht zusammen verbrach-ten. Sie bemerkten, dass selbst in den fünf Monaten so vieles passierte und sie wurden traurig darüber, dass es immer weniger Zeit gab, in der sie sich trafen.
»Ich geh mal Jessica begrüßen«, sagte Cindy und richtete sich auf.
»Warte, ich komm mit.« Lena sprang vom Sofa auf, deutete dann auf Hu-an. »Du wolltest doch sowieso Fußball gucken, da stören wir dich doch eh.«
Er nickte nur, da er merkte, dass die Freundinnen alleine sein wollten. Der Fernseher flimmerte auf und Huan zappte solange, bis er das pas-sende Programm gefunden hatte.

Es klopfte an der Tür und die Köpfe der beiden kleinen Mädchen schreckten hoch.
»Huhu«, drang es fröhlich aus Cindy heraus, die den Kopf langsam in das Zimmer streckte.
»Mum«, stieß es aus Caroline heraus.
»Na Kleines, hast du Spaß mit Jessica?«
»Ja.« Sie lachte bis über beide Ohren.
Jessica legte ihren Kopf schräg und schaute die beiden verwirrt an. Denn, obwohl Caroline kein Deutsch sprach, verstanden sich die beiden kleinen Mädchen, was ihr selber merkwürdig erschien. Umso mehr erschrak es sie, als sie sie Englisch sprechen hörte.
»Jessica, Süße, wir haben uns auch schon Ewigkeiten nicht gesehen.« Cin-dy breitete die Arme aus und wartete darauf, dass Jessica ihr in die Arme lief. Sie grinste sie warm an. »Du bist größer als beim letzten Mal.«
»Ja, ich bin fünf Zentimeter gewachsen, ich bin schon fast größer als Julia und Maria.« Sie stellte sich voller Stolz vor Cindy. Cindy strich ihr über die Haare und gab ihrer Patentochter einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. Sie sah, dass die beiden Bilder malten und sie wunderte sich, über die Stifte die kreuz und quer im Zimmer lagen. Sie fing an zu lachen.
»Habt ihr euch mit den Stiften beworfen oder Mikado gespielt?«
Jessica wurde sofort rot und sammelte alle Stifte auf, um sie auf einen Haufen zu packen.
Cindys Blick schweifte von der aufräumenden Jessica zur Tochter. Ein großes Gähnen machte sich über ihr Gesicht breit. Sie sprach wieder in Englisch zu ihr.
»Bist du müde, Häschen?«
»Nein.«
Just in den Moment fiel Caroline in Lenas Arme, die direkt hinter ihr hockte.
»Die Reise hat sie ziemlich entkräftet fürchte ich«, sprach Lena zu Cindy. »Ich bring sie gleich ins Zimmer, du kannst gleich mitkommen, ich glaub nämlich, dir würde eine Runde Schlaf auch mal wieder gut tun.«
Cindy nickte zustimmend. Wünschte Jessica eine »Gute Nacht« und folg-te Lena langsam ins Gästezimmer, das zwei Räume neben Jessicas lag. Auf dem Weg, machte sie einen kurzen Stopp in der Küche und geneh-migte sich ein Glas Wasser. Als sie aus dem Fenster sah, bekam sie beim Anblick des Mondes ein flaues Gefühl im Magen. Sie drehte sich weg und wünschte sich in Gedanken, dass das Gefühl ein Gefühl bliebe. Hu-an stieß hinzu und rieb ihr Sanft über das Schulterblatt. Sie drehte sich mit einer gewissen Leere in den Augen zu Huan um, sagte nur kurz »Gu-te Nacht« und verschwand aus der Küche. Huan schaute ihr verwirrt hin-terher und dann ging sein Blick zum Mond. Er zuckte nur mit den Schultern, nahm ein Bier aus dem Kühlschrank und begab sich zurück zum Spiel.
Im Gästezimmer angekommen bedanke sie sich bei Lena, wünschte ihr ebenfalls »Gute Nacht«, umarmte sie und wand sich ihrer Tochter zu. Lena schloss langsam und leise die Tür zu. Caroline war kurz aufgeschreckt, zwang sich fast kraftlos in ihren Pyjama und kroch lang-sam ins Bett. Cindy schaute auf ihr Handy, knipste die Nachttischlampe an, das große Zimmerlicht aus und kuschelte sich zu Caroline ins Bett. Sie nahm die übriggebliebene rechte Seite des Doppelbettes. Mit einem Kuss auf die Stirn wog sie ihrer Tochter in die Nacht und schaltete das Licht aus.

14.4.09 23:19, kommentieren